Und er hatte Recht

Wie von Gorgonen versteinert standen sie nebeneinander, die Münder zur Ungläubigkeit geöffnet. Eine Schweißperle bahnte sich ihren Weg von der Stirn, um auf halbem Weg an dem gefrierenden Blick zu erstarren.
„Wie ist das möglich?“, fragte schließlich der jüngere von beiden. Ohne einen Blick von der leeren Ladefläche des Lasters zu lösen, erwiderte der Alte: „Wie ich es dir gesagt habe. Das ist ein verfluchtes Land. Wir hätten nicht nachts fahren sollen.“ Der Jüngere runzelte die Stirn, sowohl aus Verwunderung als auch aus Verärgerung: „Du brauchst mir keine Märchen zu erzählen. Hier ist doch nichts und niemand.“ Er sah im wenigen Licht, das von den Frontscheinwerfern kam wie der Alte seinen Blick zur Seite gerichtet hatte, sein Körper war immer noch steif wie ein Brett. Der Alte kicherte nahezu: „Nein. Das stimmt nicht.“ Und er hatte Recht.

Chronik VII – In Forsetis Schatten, Kapitel III – Verfall, Auszüge

Die Brücke
Eine breite, aber an einigen Stellen bereits zerfallene Brücke, unter der in einiger Tiefe eine Grube hinab ins Tal führt, ist der einzige Zugang zur Burg, die auf einem einsamen Hügel steht und ganz anders aussieht, als in der Schattenwelt suggeriert. Was dort düster und mittelalterlich ist, ist in Wirklichkeit eher ein moderner Blockbau, zwar groß und überschauend, doch quadratisch in der Grundform mit einem großen Zwiebelhaubendach. Es fehlen Zinnen und riesige Mauern. Dennoch überwuchert ein eingefrorener Efeu das gesamte Gebäude und der Anbau wirkt an der Burg wie eine zusätzliche Gliedmaße, die dem Gesamtbild etwas Monströses gibt.
Der runde Durchgang auf der anderen Seite mit seiner abgestorbenen Hecke voller Schnee kann auch nicht von den Grausamkeiten ablenken, die links und rechts vom Durchgang aufgespießt wurden. Ein Mann und eine Frau, deren Kleider nur noch grob in Fetzen von ihnen herunter hängen. Ihre Haut ist vom Frost überzogen und ihre Gesichter vom Schmerz gequält – selbst im Tod.

 

Die Küche
Diese düst’re Küche mit der niedrigen Decke ist eng und voll gestellt mit altem Mobiliar, das an vielen Stellen droht auseinander zu fallen. In ihnen stehen Gläser mit verschieden farbigen Pulvern, Sieben, Mörser und Stößel. Pfeffer- und Paprikagerüche liegen dir genau so in der Nase wie der von Knoblauch, der neben den Paprikaschoten hängt, wie auch Fleischstücke am Haken, die rot und roh das Wasser in deinem Mund zusammenlaufen lassen. Ganz im Gegenteil dazu die dreckigen, alten Schüsseln, die sich im Abwaschbecken stapeln, wer weiß wie lang schon.

Ein Anfang

Der kalte Wind ließ seinen Atem vor ihm sichtbar werden, als er da stand und nicht wusste, ob er noch weiter gehen soll. Er spürte seine Beine nicht mehr. Nur noch das brennende Glühen, das sich darum gelegt hat, seitdem er sich Stunde um Stunde durch den Schnee geschoben hat ohne jede Gewissheit, ob sein müdes Vorwärtsschleppen ihn näher an sein Ziel bringen würde oder nicht.

Chronik VII – In Forsetis Schatten

(Aus dem Preludium „Spuren im Schnee“)

In der Nacht vom 20. zum 21. Dezember des Jahres 2012 wollten manche, die die Panik mitbekamen, schon lachen. Es war doch bestimmt nur ein Scherzbold, der den Strom in der Nacht ausgeschaltet hat, wenn die meisten sowieso schliefen. Doch der Scherz dauerte zu lange an. Als die ersten Meldungen größerer Unwetter und von Flüchtlingen aus dem Westen herein kamen, taten viele das, was einige bereits durch ihre Panik in dieser Stadt getan haben: Mit Sack und Pack das Weite suchen. Bloß weg.
In Polen war der nicht abreißen wollende Strom an Autos zu bemerken, gefolgt von Chaos und Verwirrung. Das Radio gab nicht viel mehr her als unverständliches Polnisch. BBC International gab keinen einzigen Ton von sich. Es war so, als ob die Menschheit in den Metropolen der Welt verschwunden wäre.
Der Moment der inneren Verzweiflung kam in euch auf, als ihr abrupt abbremsen musstet. Die roten Lichter brannten sich in eure Augen und erinnerten an euren Schlafmangel. Wie ein steifes Reh habt ihr die Bremslichter angestarrt, als ob ihr in die wärmende Glut eines Feuers blicken wolltet. Ein lautes Hupen, das sich zu einem Konzert erhob, riss euch aus der wohligen Illusion. Die ersten Menschen stiegen aus, um nachzusehen, was los ist. Die Worte verschwanden im eisigen Wind, doch die gewaltsamen Faustschläge, die die Frustration von Sterbensangst in das Gesicht eines unschuldigen Mannes hämmerten, waren für alle sichtbar. Panik führte zu tierischem Verhalten. Einige stiegen aus und droschen mit ein, auf wen, war egal. Die anderen stiegen wieder ein, fuhren los und rammten dabei jeden um, der sich in den Weg stellte. Doch der Weg führte nicht mehr weit. Das Bild war schnell überall das Gleiche: Stehengebliebene oder umgefallene Autos blockierten Engpässe des modernen Verkehrs und verdammte alle dazu, wie in einer Eiszeit zu Fuß weiter zu marschieren. Es war schwer für euch, Ausreden zu finden, warum ihr nicht mit den Massen mitwolltet, die doch so viel Sicherheit bedeuten würden. Wie solltet ihr auch erklären, dass ihr eine Gefahr für die Sicherheit seid und die Menschen eine für eure?

28. Dezember, Vollmond, 18:00 Uhr.
Der harzige Geruch der Nadelbäume um euch herum wird immer wieder von der Kälte des Schnees überdeckt und friert sich selbst in eure Nasen, sobald ihr versucht, Gerüche wahr zu nehmen. Der Wald hat euch etwas Schutz gegeben gegen die Stürme, doch in den letzten Tagen reicht euch selbst hier der Schnee bis zu den Knien und es will nicht aufhören. Jeden Morgen, wenn ihr aufwacht, liegt wieder neuer Schnee auf dem des vergangenen Tages. Ihr habt mittlerweile zwar einige Städte und Landstriche hinter euch gelassen, aber durch den immer weiter fallenden Schnee wurdet ihr immer langsamer und langsamer. Zudem wurde es zunehmend kälter. Eure widerständige Natur hat geholfen, doch jetzt hat die Kälte auch euch eingehüllt und ihr wisst, ihr braucht dringend eine Bleibe für jede Nacht, damit ihr nicht erfriert.
Leben und damit einhergehend eine mögliche Unterkunft deutet sich an durch mehrere Schüsse, die inmitten des Windrauschens eure Herzen ankurbeln. Während sich der eine von euch innerlich schon auf eine Auseinandersetzung freut, ist der andere so nah an den Schüssen, dass er eine Frau tot zu Boden fallen sieht.

Der Ort
Trotz des Schnees erkennt man diese kleine abgeschiedene Siedlung, die eher wie das Refugium vier deutscher Mittelstandspärchen wirkt, die sich hier zwischen Hügeln und angrenzenden Wäldern zurückgezogen haben, zwar direkt an der Straße, aber noch in sicherer Distanz zur nächsten Ortschaft. Der mit den gefallenen Temperaturen eingefrorene Wind raubt euch eure Körperwärme und den Dächern in regelmäßigen Stößen den Schnee, sodass sie wie Gespenster wirken, denen immer wieder ihre Essenz entsogen wird. Die Carports sind leer und der Schnee hat jede Spur der Flüchtenden verwischt. Wäre nicht dieser Schuss wie ein aufdringliches Niesen durch die Luft gegangen, hätte man hier nichts anderes als Einsamkeit erwartet. Aber selbst Einsamkeit und Abgeschiedenheit können nach Stephen King nicht zur Sicherheit führen.

Das verlassene Haus der Nowaks
Einen Moment lang hältst du inne. Die aufdringliche Frau liegt nicht weit von dir entfernt auf dem Boden. Du spürst dein Herz vom Adrenalin rasen, doch deine Arme sind immer noch ruhig auf sie gerichtet, für den unwahrscheinlichen Fall, dass sie sich doch noch einmal rühren sollte. Doch du hörst nur das Blut in deinen Ohren und den frostigen Wind von draußen herein wehen. Die Frau regt sich nicht wirklich. Ihr Brustkorb hebt sich in ungleichmäßigen Abständen, als ob ihr letzter Wille noch nach Luft schnappt, doch mit jedem Atemzug quillt mehr Blut als dunkle Pfütze aus ihrem schwarzen Pullover hervor.
Für einen Moment blinzelst du – im gleichen Moment hörst du eine Tür über dir zuknallen und schwere Schritte lassen das Holz knirschen. Dann hörst du erneut nur noch den Wind.

Die Fee (gegen das Paradies)

Die Fee saß fast still an ihrem kleinen Platz inmitten der Steinhügel und grünen Wiesen. Sie wippte leicht bedächtig von hinten nach vorn und dann wieder von vorn nach hinten. Das Zwitschern der singenden Vögel, das Summen der fleißigen Bienen, das Rauschen des majestätischen Wasserfalls und das Schlagen der farbenprächtigen Flügel von kleinen, die Fee umfliegenden, Schmetterlinge, umgaben sie. Die grünen saftigen Wiesen glitzerten, da die aufsteigende Sonne mit ihrem lebenspendenden Licht den Morgentau streichelte. Das Treiben war groß, doch die Fee saß allein hungernd inmitten des kleinen Paradieses.

Wäre sie doch nur nicht blind geboren worden.

Das Mädchen

Das Mädchen mit dem Messer stand still da, wie ein toter Baum. Ihrem Gesicht war nicht einmal ein Wimpernschlag zu entnehmen. Der Himmel verfärbte sich in eine widerliche Mixtur aus Schwarz, Grau und einigen blauen Flecken, die das kommende Gewitter ankündigten. Vor diesem grausigen Hintergrund erschien ihr rotes, im kalten Wind wehendes Kleid wie ein Lichtpunkt am Horizont, der für mich jedoch den Tod bedeuten sollte.

Eine Zugfahrt

Gleich einem Schweben, das durch immer fortfahrendes Rütteln, vielleicht um wach zu halten, vielleicht um den Schlaf zu wiegen, unterbrochen wird, ist die Zugfahrt. Bei ihr rauschen Bilder und Welten durch eine Ellipse vorbei und verschwinden bis zur Rückfahrt, die genau so wie ein erneutes Fahren nur eine trügerische neue Fassung von dem bietet, was man sah.

Wenn da ein Herr steht, der einen auffällig gewesen ist, ob durch Erscheinungsbild oder Ausstrahlung, man ihn näher kennen möchte, genau in dem Moment, wo man sein Gesicht sieht, jedoch eben dieser fürchterlichen Gewissheit unterworfen ist, dass man von ihm nichts behalten wird, keinen Namen, keine Geschichten oder jegliche Interessensbekundung, da wird man die Zugfahrt verdammen.

[…]

Die Staffelei

„Ich muss malen.“, ertönt es wiederholend aus dem trocknen Mund des jungen Malers, der verlassen abends in der Küche sitzt. Er starrt auf den abbröckelnden Putz an der Wand, die schon lange seiner Familie gehörte, der genau so abblätterte wie die trocknende Farbe an seinem Pinsel.

Die junge Braut (sie hatten erst vor kurzem den Bund der Ehe geschlossen) tritt herein. Still seufzend bleibt sie am Kücheneingang stehen und lehnt sich gegen den morschen Türrahmen. Ein weiteres Mal ertönt „Ich muss malen.“ aus der nun immer leiser werdenden rauen Kehle des Malers.

„Komm doch bitte ins Bett, es ist nachts und du brauchst Schlaf“, bittet ihn seine Frau, die verzweifelt auf das leere Bild auf der Staffelei am Küchentisch schaut. Kleine Staubfäden ziehen sich langsam, behaglich, aber stetig am Rande der Staffelei über das Bild entlang wie ein Schleier, der ein eigenes Bild erschafft.

„Ich kann nicht.“, sagt der junge Maler plötzlich bestrebt, „Ich muss malen, wir brauchen doch etwas zu essen.“ Wieder das Seufzen der Gattin, das leicht durch die Küche wiederhallt. Es herrscht Stille für kurze Zeit. „Warum malst du dann nicht?“, fragt die Gattin, schon fast ein wenig nachstochernd. Wieder Stille und ein leises Grummeln aus der Kehle des Malers, das sich langsam zu einer Antwort formt: „Ich kann nicht, nicht einfach so. Selbst wenn ich einfach anfangen würde den Pinsel über die Leinwand zu führen wäre das Bild, das der Schleier, der Staub, malt immer noch schöner als das Meine.“

Nun kommt die Stille wieder, jedoch verheerender, sodass sie parallel zum Denken verläuft. Der Werdegang dieses Denkens braucht ein wenig Form, bevor es als Idee erscheint.

„Kaufe doch eine Leinwand für ein neues Bild, das du malen kannst.“, schlägt die junge Frau vor. Aber zweifelnd mit Sorgen wird diese entgegengenommen: „Woher soll ich das Geld nehmen? Wir sollten, wenn wir Geld hätten, es für Essen ausgeben und nicht erst für das Malen.“ Noch einmal fasst eine Idee Fuß im Kopf de Frau: „Und was ist, wenn du das Staubbild verkaufst? Sicher will das auch irgendjemand…“

„Ich muss malen.“, kommt als kurze schnelle Antwort wie von einem Tonband, schon ausgeleiert vom häufigen Abspielen, der Protest des jungen Malers. Seine Gattin schüttelt den Kopf, denn sie versteht den Einwand nicht. Noch kurz kehrt die Stille erneut wieder bis der Maler es endgültig erklärt, es als Frage formuliert:

„Würde dann nicht der Staub, der eigentliche Maler, meine Pflicht übernehmen?“

Frag nicht…

Fragt nicht nach den Folgen, nach den Ursachen. Woher und wohin ist Narrentum, nur Nichtwissen, eine undeutliche Fassade im Nebel, die sowieso niemand betreten will. Schaut lieber in die Lande zu den unterdrückten Bürgern, die die Mauern niederreißen wollen, doch denen man bereits wegen all ihrer bisherigen Bemühungen bereits die Arme und Beine abgesägt hatte. Nur so verstümmelt kannst auch du einmal unter ihnen wandeln. Musst jedoch wissen, was du tust, ob so oder so: Etwas wirst du tun. Denke überlegt, was es ist.