Bemerken sie es nicht?

Baumwollhosenträger schleppen ihr Leergut durch die Gegend und diskutieren über die Leistung von Fußballspielern, während ihr Bauch unterm T-Shirt vorquillt.
In der Bahn reden Businessanzugträger über Benzinersparnisse bei der Fahrt in den Urlaub.
Ich möchte sie alle anschreien.
Bemerken sie denn nicht, was sich in der Welt bewegt?
Bemerken sie nicht den Bürgerkrieg der politischen Gesinnungen?
Bemerken sie nicht wie viele Tausende von Ungarn nach Österreich laufen?

In meiner Jugend bin ich zum Vergnügen solch eine Strecke von 175 km gelaufen. Wir hatten auch Kinder dabei, denen nach 12 km Fußmarsch der Weg zu weit wurde.

Diese Menschen dort auf der Autobahn haben keine andere Wahl mehr gesehen, als in ein anderes Land zu laufen.
Bis in die Nacht.
Bis die Füße versagen.
Bis die Arme versagen, die ihre Kinder tragen.

Ich streichle die Katze an meinem Bein. Ihr ist das alles egal, solang sie ihr Futter bekommt.

Sie ist kein Mensch.

Orange

Das Geräusch der Bremsen des Zuges vermischt sich mit dem wehklagenden Schreien der Frau am Ende des Abteils. Sie weint, wie sie es schon die ganze Fahrt über getan hat. Abgesehen von dem kurzen Moment der Schwäche, in dem sie keine Kraft mehr dafür übrig hatte. Im Lärm der Bremsen höre ich den Lärm meines Heimatortes, der nicht mehr ist. Die Schreie und die Trümmer, die wie Bruchstücke meiner Vergangenheit den Boden erreichten.

Abgesehen von den Weinen sind viele still. Sie denken über das nach, was passiert ist. Warum es passiert ist. Warum Gott das zugelassen hat. Sie denken nach über die Ungewissheit der Zukunft. Was wird uns erwarten?

Nach dem Aussteigen, ein Drängen der Männer und Frauen mit ihren Kindern, sind sie weiterhin still. Sie wissen nicht, was zu tun ist. Zwar werden wir angesprochen, doch in einer Sprache, die wir nicht verstehen. Von Personen, die eigenartig gekleidet sind. Sehr offiziell.

Das Durcheinander erzeugt ein Durcheinander in meinen Ohren. Doch dazwischen vernehme ich etwas Vertrautes. Meine Sprache. Teil meiner Herkunft. Teil meiner Identität. Ein älterer Mann mit Übergewicht trägt eine orange-farbene Weste und spricht meine Sprache. Er weist uns den Weg. „Dort gibt es Essen und Trinken.“, „Dort gibt es Kleidung.“, „Vor dem Bahnhof warten Busse. Sie bringen euch in Unterkünfte.“

Die Menschen hier sind mir fremd. Ich habe sie noch nie gesehen und sie wirken befremdlich. Einige richten Kameras auf uns, während wir den Weisungen des Mannes in Orange folgen. Andere lächeln und geben uns Essen und Trinken. Wann haben wir das letzte Mal getrunken? Jetzt fühlt es sich so an, als wäre es das erste Mal.

Draußen vor dem Bahnhof warten wir auf den Bus.

Aus den Kisten, die bereit stehen, nehme ich mir, was ich brauche. Gebe meinem Kind ein Spielzeug und nach all den bisherigen Stunden sehe ich nach langer Zeit die Spur eines Lächelns.

Wenn es das gäbe…

Im Zuge eines Podcasts, den ich unterwegs hörte, wurde ich an die Anschläge vom 7. Januar 2015 an der Redaktion des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo erinnert. Abgesehen von den schleichenden Gefahren, die Terrorismus mit sich bringt, habe ich mich gefragt, was es für ein Zeichen wäre, wenn hier in Berlin ein Anschlag verübt werden sollte und zufällig eine in Deutschland lebende muslimische Person einen Attentäter fassen oder gar Teile des Anschlags verhindern würde.
Die Vorstellung allein, in Konfrontation mit Gewalt direkt vor den eigenen Augen zu sein und dabei noch konkret zu handeln, ist eher Stoff aus Hollywoodfilmen, in denen Liam Neeson einen Familienvater mit Alkoholproblemen spielt und weniger Teil des real menschlichen Handelns, vor alledem in unserer behüteten westlichen Sphäre.
Doch wenn es eine Person gäbe, würden vielleicht endlich die ganzen Anhänger von Fremdenhass und Stigmatisierung merken, dass nicht alle Anhänger eines Glaubens oder einer Meinung gleich sind. Sondern, dass es Menschen gibt, die Mord und Hass grundsätzlich falsch finden und keine Mittel sind, um die Welt oder die Menschheit zu verbessern.

Lies den Artikel, du Spasti!

Es mag zwar keinen großen Prozentsatz an Personen geben, denen wir im täglichen Leben begegnen, die an Schäden im Nervensystem leiden, die zur Fehlfunktion ihrer Motorik führen. Dennoch höre und lese ich in letzter Zeit immer wieder das Wort „Spast“ oder „Spasti“, sei es nun in Chats, Gesprächen oder YouTube-Videos. Dabei setzen sich die Personen, die besagte Bezeichnung verwenden, nicht inhaltlich oder wissenschaftlich mit Spastiken auseinander. Nein, sie beleidigen gerade jemanden oder etwas.

Phonologisch klingt Spasti schon ziemlich scharf und kommt vom Wortklang an viele klingonische Beleidigungen ran, fast so, als hätte man das Wort gespuckt und daher eignet es sich für den beleidigenden Ton wesentlich besser als die dumpfen alten Beleidigungen Trottel oder Dummkopf. Im Falle einer körperlichen Fehlleistung wäre die Beleidigung zumindest nachvollziehbar, aber sie scheint universal anwendbar zu sein. Die entweder von Geburt an oder durch einen Unfall an Spastiken leidenden machen den Personen in ihrem Umfeld auch kein leichtes Leben, aber ich glaube nicht, dass eine Person mit Spastiken den meisten Leuten den Kindergeburtstag oder das größte Ferienereignis ruiniert hat, sodass sie einen unterschwelligen Groll gegen diese Personen hegen. Aber das Phänomen kennen wir auch schon:

Meist wird nicht die Gruppe selbst angegriffen, sondern eine Person oder ein Tatbestand so betitelt, dass die Konnotation des Titels definitiv negativ sein soll. Eine ganze Zeit lang wurde das immer wieder mit schwul oder behindert gemacht und erreichte dabei sogar eine gewisse gesellschaftliche Akzeptanz. Bei Nachfragen sind die Leute, die das so benutzen, natürlich nicht homophob oder behindertenfeindlich. „Man sagt das einfach so.“ Es soll also beleidigt werden. Statt aber den anderen Menschen oder der Sache einfach nur ein „Scheiße“ oder „Arschloch“ entgegen zu schmettern, wird gleich noch eine Gruppierung in die negative Konnotation gezogen und leidet zusätzlich darunter. Denn die Sprache, die wir nutzen und hören, kann unterschwellig auch unsere Meinung beeinflussen. [Mir ist durchaus bewusst, dass die gerade angeführte These wissenschaftlich diskutiert wird.] Selbst wenn wir dann behaupten, wir wären nicht homophob, etc. rückt an Stelle der eigentlichen Beleidigung eine Gruppe, die zu einer Minderheit gehört und ohnehin von Vorurteilen belastet ist. Da diese als Beleidigung herhalten kann, muss sie ergo etwas schlechtes sein. Bei vielen ist das zwar nicht die innere Überzeugung, aber Unwissenden (z.B. Kindern) wird somit etwas suggeriert.

Früher unter Freunden hatten wir die Variante bevorzugt, Haushaltsgegenstände als Titulierung zu verwenden. So nannten wir uns Lappen, Spaten, Locher oder Wackeltisch. Kommt einigen einiges sicher bekannt vor. Auf jeden Fall haben wir aus Rücksicht nicht Gruppierungen als Beleidigung benutzt, die sowieso nichts für ihr Verhalten können oder uns sowieso kein Hindernis im Alltag sind. Klar, sind alle gleichberechtigt, beleidigt zu werden, aber Gruppierungen als Beleidigung zu benutzen, führt zu einer negativen Konnotation und ist keine Beleidigung. Wenn man beleidigen will, dann bitte. Wofür sind Worte wie „Trottel“, „Arschloch“, „hinterlistiger Abzocker“ denn da?
Macht euch Gedanken über das, was ihr sagt und viel wichtiger: weist andere darauf hin, was sie gerade von sich geben.

Danke.

Was ist Liebe?

Auf Grund der Konfrontation mit der Frage, was Liebe ist, scheitert mein Kopf, eine eindeutige Antwort zu finden. Viel mehr erinnere ich mich, dass ich einmal gefragt wurde, was wichtig für eine Beziehung sei. Damals antwortete ich, soweit mein Gedächtnis nicht trügt, mit den drei Schlagworten Vertrauen, Verständnis und Aufopferung. Daraufhin wurde ich gescholten, für eine Beziehung Liebe nicht in Betracht gezogen zu haben. Dabei verdeutlicht für mich nichts Liebe besser, als einer Person blind zu vertrauen, ihr Verständnis trotz innerer Gegenwehr entgegenzubringen und sich für sie aufzuopfern, obwohl nach meinem Verständnis das meist egoistische Wesen Mensch nichts schlimmer findet, als sich uneigennützig für jemanden Mühe zu machen. Zur Uneigennützigkeit hatte ich schon so einige Unterhaltungen und weiß, dass viele Menschen insgeheim Gegenleistungen erwarten oder dieses Geben zu einer inneren Erhöhung führt. Man mag es auch mit den Worten Tim Minchins andeuten: „All we really want is affirmation.“ Dennoch gibt es für mich darüber hinaus auch noch etwas, was nicht in Worte zu fassen ist. Die Liebe zur Musik oder zur Natur bedeutet ein Wohlsein ohne eigenes Zutun. Natürlich kann man auch selbst Musik machen oder sich für die Natur einsetzen. Für mich geht es jedoch um das Gefühl einer inneren Wärme und Zufriedenheit, das für mich ebenfalls Liebe ausmacht.

Wortfindung

Wenn man so für sich schreibt, ist das ein schwieriges Unterfangen. Denn es geht auch immer darum, eine erzählende Stimme in die Köpfe der Leser zu projizieren. Dabei wünscht man sich natürlich, dass alle denken, man klinge wie Morgan Freeman.

Während man also eigentlich an einem Computer oder Laptop sitzt und wie wild auf die Tastatur einhämmert, liegt die Kunst darin, die Worte derart zu wählen, als würde man lässig mit Trenchcoat rauchend am Brückengeländer lehnen oder mit einem Bierglas durch die Dünen schlendern, um dem Wind die eigene Geschichte zu vermitteln.

Korn

Da stehst du. Mittendrin, wie ein Stein. Schaust dich um. Links und rechts das enge Getöse aus Verkehr, Menschen und Tieren, die Letztere an Leinen umherführen. Dort Licht, Souvenirs, Massen, strömend, schon zermahlend drohen sie dich durch die Mühle zu pressen, machen dich zum Korn im Topf. Da liegst du, mittendrin. Bist zwischen deinesgleichen, wenn man so will. Aus dir kann die Saat werden, die wächst und gedeiht, langsam sich in die Blüte erhebt, bald schon ein Teil ist vom Brot, das die Welt füttert. Happen für Happen.
Noch sitzt du da, mittendrin, als ein Teil des möglichen Teiges, der den Hunger stillt. Bist wie ein Korn, das noch auf den Startbefehl wartet, ruht, sich innerlich komplett sammelt für die zukünftige Aufgabe, derer du dir noch bewusst werden musst.
Der Mann, der vorbeikommt, der könnte es sein, der dich aufnimmt, dich in seinem Armen wiegt und dir wie eine Mutter zuflüstert: „Du bist das Korn. Ruhe dich aus für deinen Weg, auf dem du der Welt helfen wirst. Ruhe sanft, mein Korn.“
Erwartungsvoll schwellt sich deine Brust, schon vollkommen unbewussten Stolzes, durch den du dich erheben willst und ihm fast in die Arme springst, als wäre er deine lang vermisste Mutter, dein Müller, der dich mahlt.
Doch er, er geht vorbei.
Da bleibst du als Korn, mittendrin. Dein Blick wandert hin und her. Aus dem Augenwinkel bemerkst du, wie die Körper tanzen. Wie sich das Mühlrad der Welt bewegt.

Ferne und Gewissheit

Wie Nebel ruht es am Berghang, ein Stück Ruhe und Weite in der gleichen Existenz. Von den grauen Steinen schaut die Ferne auf uns herab. Es erscheint uns so, als ob sie lache. Doch wie kann sie lachen? Keinen Gesichtspunkt finden wir, nicht einen Zug von Mimik. Von dort oben blickt eine Gewissheit auf uns herab. Sie spottet. Spottet über uns. Ihr ist klar, dieser fiesen Gewissheit, was das Geheimnis der Ferne ist. Die Gewissheit kennt die Ferne, sie sind fast schon intim miteinander. So ist es ihr klar, warum es uns erscheint, als ob sie lacht die Ferne. Darum spottet sie über uns.

Beruhigt mich

Eine Erlösung muss da sein. Denn der Arm zittert, als ob er in Schnallen gelegt und an die trockne Luft gefesselt wäre. Er wird eingezwängt von allen ekligen Umständen, die sein Schaffen in der Gemeinschaft zerstören und an ihm brennen und seine ungeborenen Werke langsam zerfressen. Befreiung muss da sein für allen Willen und all die Kreativität, die sich zerstören lässt und unaufhaltsam zu Grunde geht.