Junge Menschen machen mich alt

Es gibt sie noch, die jungen Menschen mit Anstand und Benehmen, die auf Grund ihres Hintergrunds und ihres Bildungsstandes genügend Intelligenz für die Zukunft zumindest eines Teils der Gesellschaft bereit halten. Aber welch Schrecken überkam mich im Gespräch über die Veränderung der digitalen Welt, als einige von ihnen fragten, was denn Napster sei. Zwar habe ich Napster nicht in vollen Zügen mitbekommen, doch ist es mir immerhin ein Begriff, der anscheinend zu einem aussterbenden Kenntnisstand führt. Genau so fühlte ich mich, als ich einen VHS-Kassettenrekorder bereit stellte und die Jugendlichen sich darum scharten, als wollen sie gleich „Jep jep jep, Video!“ machen wie dereinst die Muppets beim Telefon. Aber selbst diesen Muppets-Sketch kennen sie nicht! Doch das Gedankenkonstrukt drückt einem schnell die Kehle zu, wenn man allein überlegt, dass in den Jugendjahren dieser Menschen Lady Gaga gerade ihren Durchbruch hatte. Und gefühlt war das erst gestern.

Wenn es das gäbe…

Im Zuge eines Podcasts, den ich unterwegs hörte, wurde ich an die Anschläge vom 7. Januar 2015 an der Redaktion des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo erinnert. Abgesehen von den schleichenden Gefahren, die Terrorismus mit sich bringt, habe ich mich gefragt, was es für ein Zeichen wäre, wenn hier in Berlin ein Anschlag verübt werden sollte und zufällig eine in Deutschland lebende muslimische Person einen Attentäter fassen oder gar Teile des Anschlags verhindern würde.
Die Vorstellung allein, in Konfrontation mit Gewalt direkt vor den eigenen Augen zu sein und dabei noch konkret zu handeln, ist eher Stoff aus Hollywoodfilmen, in denen Liam Neeson einen Familienvater mit Alkoholproblemen spielt und weniger Teil des real menschlichen Handelns, vor alledem in unserer behüteten westlichen Sphäre.
Doch wenn es eine Person gäbe, würden vielleicht endlich die ganzen Anhänger von Fremdenhass und Stigmatisierung merken, dass nicht alle Anhänger eines Glaubens oder einer Meinung gleich sind. Sondern, dass es Menschen gibt, die Mord und Hass grundsätzlich falsch finden und keine Mittel sind, um die Welt oder die Menschheit zu verbessern.

Lies den Artikel, du Spasti!

Es mag zwar keinen großen Prozentsatz an Personen geben, denen wir im täglichen Leben begegnen, die an Schäden im Nervensystem leiden, die zur Fehlfunktion ihrer Motorik führen. Dennoch höre und lese ich in letzter Zeit immer wieder das Wort „Spast“ oder „Spasti“, sei es nun in Chats, Gesprächen oder YouTube-Videos. Dabei setzen sich die Personen, die besagte Bezeichnung verwenden, nicht inhaltlich oder wissenschaftlich mit Spastiken auseinander. Nein, sie beleidigen gerade jemanden oder etwas.

Phonologisch klingt Spasti schon ziemlich scharf und kommt vom Wortklang an viele klingonische Beleidigungen ran, fast so, als hätte man das Wort gespuckt und daher eignet es sich für den beleidigenden Ton wesentlich besser als die dumpfen alten Beleidigungen Trottel oder Dummkopf. Im Falle einer körperlichen Fehlleistung wäre die Beleidigung zumindest nachvollziehbar, aber sie scheint universal anwendbar zu sein. Die entweder von Geburt an oder durch einen Unfall an Spastiken leidenden machen den Personen in ihrem Umfeld auch kein leichtes Leben, aber ich glaube nicht, dass eine Person mit Spastiken den meisten Leuten den Kindergeburtstag oder das größte Ferienereignis ruiniert hat, sodass sie einen unterschwelligen Groll gegen diese Personen hegen. Aber das Phänomen kennen wir auch schon:

Meist wird nicht die Gruppe selbst angegriffen, sondern eine Person oder ein Tatbestand so betitelt, dass die Konnotation des Titels definitiv negativ sein soll. Eine ganze Zeit lang wurde das immer wieder mit schwul oder behindert gemacht und erreichte dabei sogar eine gewisse gesellschaftliche Akzeptanz. Bei Nachfragen sind die Leute, die das so benutzen, natürlich nicht homophob oder behindertenfeindlich. „Man sagt das einfach so.“ Es soll also beleidigt werden. Statt aber den anderen Menschen oder der Sache einfach nur ein „Scheiße“ oder „Arschloch“ entgegen zu schmettern, wird gleich noch eine Gruppierung in die negative Konnotation gezogen und leidet zusätzlich darunter. Denn die Sprache, die wir nutzen und hören, kann unterschwellig auch unsere Meinung beeinflussen. [Mir ist durchaus bewusst, dass die gerade angeführte These wissenschaftlich diskutiert wird.] Selbst wenn wir dann behaupten, wir wären nicht homophob, etc. rückt an Stelle der eigentlichen Beleidigung eine Gruppe, die zu einer Minderheit gehört und ohnehin von Vorurteilen belastet ist. Da diese als Beleidigung herhalten kann, muss sie ergo etwas schlechtes sein. Bei vielen ist das zwar nicht die innere Überzeugung, aber Unwissenden (z.B. Kindern) wird somit etwas suggeriert.

Früher unter Freunden hatten wir die Variante bevorzugt, Haushaltsgegenstände als Titulierung zu verwenden. So nannten wir uns Lappen, Spaten, Locher oder Wackeltisch. Kommt einigen einiges sicher bekannt vor. Auf jeden Fall haben wir aus Rücksicht nicht Gruppierungen als Beleidigung benutzt, die sowieso nichts für ihr Verhalten können oder uns sowieso kein Hindernis im Alltag sind. Klar, sind alle gleichberechtigt, beleidigt zu werden, aber Gruppierungen als Beleidigung zu benutzen, führt zu einer negativen Konnotation und ist keine Beleidigung. Wenn man beleidigen will, dann bitte. Wofür sind Worte wie „Trottel“, „Arschloch“, „hinterlistiger Abzocker“ denn da?
Macht euch Gedanken über das, was ihr sagt und viel wichtiger: weist andere darauf hin, was sie gerade von sich geben.

Danke.

Weihnachtstriptychon

Weihnachtseinkäufe

Links Gemurmel und Tüten. Rechts Kinderwägen. Daneben runter gefallene Milch. Ein Strom aus Mänteln zieht vorbei. Alle orientieren sich am Schritttempo des Herdenführers. Zu langsam. Alle sind kurz vor Weihnachten mit der Jagd auf die Präsente beschäftigt. Im Hinterkopf frage ich mich, warum sie nicht schon früher losgegangen sind. Andererseits bin ich selbst auch hier.
An der Einpackstation steht ein goldgelocktes Engelchen und zottelt in himmlischer Ruh an einem Geschenkband, während sich vor dem Stand Menschen aneinander schlängeln, die in der Wartezeit auch bei kompletter Unfähigkeit Geschenkpapier kaufen und zu Hause das zu Schenkende selbst einpacken könnten. Doch in Deutschland als Land der Prinzipienreiter wird lieber gewartet und die 2,99€ für Geschenkpapier gespart. Dafür kann man sich später noch einen Döner holen und ebenfalls als Geschenk einpacken lassen.

Weihnachtssingen

Die Weihnachtsmütze hat die gleiche Farbe wie die der Merchandiseartikel des 1.FC Union Berlin. Rot-Weiß. Blau mit roter Nase war leider schon an die Bayern vergeben. Doch im Ruinieren feierlicher Weihnachtsstimmung im Austausch zu Grölen der Vereinsparolen nehmen sich Fußballloyale wahrscheinlich nichts. Eigentlich sollen Weihnachtslieder gesungen werden, doch die Panik in den Augen der Chormitglieder ist über den Bildschirm gut erkennbar, als ihnen die Fußballfans ein dutzend Mal den Namen des Vereins zubrüllen, den sie glücklicherweise auch am Stadion ablesen können. Ich fühle mit ihnen, denn zum Singen und nicht zur Beweihräucherung bin ich gekommen. Auch wenn für mich Christus nichts mehr retten kann und mir bewusst ist, dass „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ nur am 23. Dezember funktioniert.
Der Predigt wird wenig gelauscht. Auch ich hole mir währenddessen lieber etwas zu essen. Denn zwei Sachen habe ich gelernt: Schafskäse mit Honig und Walnuss ist verdammt lecker und nie wieder Fußballstadion!

Weihnachtsessen

Nächstes Jahr mehr Sport. Diät wohl möglich. Andere Ernährung auf jeden Fall. Kein Wunder, dass an Neujahr solche Vorsätze gefasst werden. Während der Sommer noch mit Salat verging, wurden im Herbst schon die ersten Aufläufe probiert. Im Winter schlägt der Feind des Menschen dann zu: der natürliche Instinkt. Sobald der kalte Wind einmal den Körper umwehte, muss an der rettenden Fettschicht gearbeitet werden.
Besonders gut gelingt das an Weihnachten. Nicht nur der Braten macht die Hälfte fett. Besonders die Süßigkeiten nebenbei sorgen für Reue, die bis in den Februar reicht. Dann ist endlich Fastenzeit und der übermäßige Genuss kann bis Ostern reguliert werden. Dann helfen diverse Bikini-Ratgeber über die Ostersüßigkeiten. Dann kommt Sommer und Herbst. Der Kreis ist geschlossen.