Chronik VII – In Forsetis Schatten

(Aus dem Preludium „Spuren im Schnee“)

In der Nacht vom 20. zum 21. Dezember des Jahres 2012 wollten manche, die die Panik mitbekamen, schon lachen. Es war doch bestimmt nur ein Scherzbold, der den Strom in der Nacht ausgeschaltet hat, wenn die meisten sowieso schliefen. Doch der Scherz dauerte zu lange an. Als die ersten Meldungen größerer Unwetter und von Flüchtlingen aus dem Westen herein kamen, taten viele das, was einige bereits durch ihre Panik in dieser Stadt getan haben: Mit Sack und Pack das Weite suchen. Bloß weg.
In Polen war der nicht abreißen wollende Strom an Autos zu bemerken, gefolgt von Chaos und Verwirrung. Das Radio gab nicht viel mehr her als unverständliches Polnisch. BBC International gab keinen einzigen Ton von sich. Es war so, als ob die Menschheit in den Metropolen der Welt verschwunden wäre.
Der Moment der inneren Verzweiflung kam in euch auf, als ihr abrupt abbremsen musstet. Die roten Lichter brannten sich in eure Augen und erinnerten an euren Schlafmangel. Wie ein steifes Reh habt ihr die Bremslichter angestarrt, als ob ihr in die wärmende Glut eines Feuers blicken wolltet. Ein lautes Hupen, das sich zu einem Konzert erhob, riss euch aus der wohligen Illusion. Die ersten Menschen stiegen aus, um nachzusehen, was los ist. Die Worte verschwanden im eisigen Wind, doch die gewaltsamen Faustschläge, die die Frustration von Sterbensangst in das Gesicht eines unschuldigen Mannes hämmerten, waren für alle sichtbar. Panik führte zu tierischem Verhalten. Einige stiegen aus und droschen mit ein, auf wen, war egal. Die anderen stiegen wieder ein, fuhren los und rammten dabei jeden um, der sich in den Weg stellte. Doch der Weg führte nicht mehr weit. Das Bild war schnell überall das Gleiche: Stehengebliebene oder umgefallene Autos blockierten Engpässe des modernen Verkehrs und verdammte alle dazu, wie in einer Eiszeit zu Fuß weiter zu marschieren. Es war schwer für euch, Ausreden zu finden, warum ihr nicht mit den Massen mitwolltet, die doch so viel Sicherheit bedeuten würden. Wie solltet ihr auch erklären, dass ihr eine Gefahr für die Sicherheit seid und die Menschen eine für eure?

28. Dezember, Vollmond, 18:00 Uhr.
Der harzige Geruch der Nadelbäume um euch herum wird immer wieder von der Kälte des Schnees überdeckt und friert sich selbst in eure Nasen, sobald ihr versucht, Gerüche wahr zu nehmen. Der Wald hat euch etwas Schutz gegeben gegen die Stürme, doch in den letzten Tagen reicht euch selbst hier der Schnee bis zu den Knien und es will nicht aufhören. Jeden Morgen, wenn ihr aufwacht, liegt wieder neuer Schnee auf dem des vergangenen Tages. Ihr habt mittlerweile zwar einige Städte und Landstriche hinter euch gelassen, aber durch den immer weiter fallenden Schnee wurdet ihr immer langsamer und langsamer. Zudem wurde es zunehmend kälter. Eure widerständige Natur hat geholfen, doch jetzt hat die Kälte auch euch eingehüllt und ihr wisst, ihr braucht dringend eine Bleibe für jede Nacht, damit ihr nicht erfriert.
Leben und damit einhergehend eine mögliche Unterkunft deutet sich an durch mehrere Schüsse, die inmitten des Windrauschens eure Herzen ankurbeln. Während sich der eine von euch innerlich schon auf eine Auseinandersetzung freut, ist der andere so nah an den Schüssen, dass er eine Frau tot zu Boden fallen sieht.

Der Ort
Trotz des Schnees erkennt man diese kleine abgeschiedene Siedlung, die eher wie das Refugium vier deutscher Mittelstandspärchen wirkt, die sich hier zwischen Hügeln und angrenzenden Wäldern zurückgezogen haben, zwar direkt an der Straße, aber noch in sicherer Distanz zur nächsten Ortschaft. Der mit den gefallenen Temperaturen eingefrorene Wind raubt euch eure Körperwärme und den Dächern in regelmäßigen Stößen den Schnee, sodass sie wie Gespenster wirken, denen immer wieder ihre Essenz entsogen wird. Die Carports sind leer und der Schnee hat jede Spur der Flüchtenden verwischt. Wäre nicht dieser Schuss wie ein aufdringliches Niesen durch die Luft gegangen, hätte man hier nichts anderes als Einsamkeit erwartet. Aber selbst Einsamkeit und Abgeschiedenheit können nach Stephen King nicht zur Sicherheit führen.

Das verlassene Haus der Nowaks
Einen Moment lang hältst du inne. Die aufdringliche Frau liegt nicht weit von dir entfernt auf dem Boden. Du spürst dein Herz vom Adrenalin rasen, doch deine Arme sind immer noch ruhig auf sie gerichtet, für den unwahrscheinlichen Fall, dass sie sich doch noch einmal rühren sollte. Doch du hörst nur das Blut in deinen Ohren und den frostigen Wind von draußen herein wehen. Die Frau regt sich nicht wirklich. Ihr Brustkorb hebt sich in ungleichmäßigen Abständen, als ob ihr letzter Wille noch nach Luft schnappt, doch mit jedem Atemzug quillt mehr Blut als dunkle Pfütze aus ihrem schwarzen Pullover hervor.
Für einen Moment blinzelst du – im gleichen Moment hörst du eine Tür über dir zuknallen und schwere Schritte lassen das Holz knirschen. Dann hörst du erneut nur noch den Wind.