Die Staffelei

„Ich muss malen.“, ertönt es wiederholend aus dem trocknen Mund des jungen Malers, der verlassen abends in der Küche sitzt. Er starrt auf den abbröckelnden Putz an der Wand, die schon lange seiner Familie gehörte, der genau so abblätterte wie die trocknende Farbe an seinem Pinsel.

Die junge Braut (sie hatten erst vor kurzem den Bund der Ehe geschlossen) tritt herein. Still seufzend bleibt sie am Kücheneingang stehen und lehnt sich gegen den morschen Türrahmen. Ein weiteres Mal ertönt „Ich muss malen.“ aus der nun immer leiser werdenden rauen Kehle des Malers.

„Komm doch bitte ins Bett, es ist nachts und du brauchst Schlaf“, bittet ihn seine Frau, die verzweifelt auf das leere Bild auf der Staffelei am Küchentisch schaut. Kleine Staubfäden ziehen sich langsam, behaglich, aber stetig am Rande der Staffelei über das Bild entlang wie ein Schleier, der ein eigenes Bild erschafft.

„Ich kann nicht.“, sagt der junge Maler plötzlich bestrebt, „Ich muss malen, wir brauchen doch etwas zu essen.“ Wieder das Seufzen der Gattin, das leicht durch die Küche wiederhallt. Es herrscht Stille für kurze Zeit. „Warum malst du dann nicht?“, fragt die Gattin, schon fast ein wenig nachstochernd. Wieder Stille und ein leises Grummeln aus der Kehle des Malers, das sich langsam zu einer Antwort formt: „Ich kann nicht, nicht einfach so. Selbst wenn ich einfach anfangen würde den Pinsel über die Leinwand zu führen wäre das Bild, das der Schleier, der Staub, malt immer noch schöner als das Meine.“

Nun kommt die Stille wieder, jedoch verheerender, sodass sie parallel zum Denken verläuft. Der Werdegang dieses Denkens braucht ein wenig Form, bevor es als Idee erscheint.

„Kaufe doch eine Leinwand für ein neues Bild, das du malen kannst.“, schlägt die junge Frau vor. Aber zweifelnd mit Sorgen wird diese entgegengenommen: „Woher soll ich das Geld nehmen? Wir sollten, wenn wir Geld hätten, es für Essen ausgeben und nicht erst für das Malen.“ Noch einmal fasst eine Idee Fuß im Kopf de Frau: „Und was ist, wenn du das Staubbild verkaufst? Sicher will das auch irgendjemand…“

„Ich muss malen.“, kommt als kurze schnelle Antwort wie von einem Tonband, schon ausgeleiert vom häufigen Abspielen, der Protest des jungen Malers. Seine Gattin schüttelt den Kopf, denn sie versteht den Einwand nicht. Noch kurz kehrt die Stille erneut wieder bis der Maler es endgültig erklärt, es als Frage formuliert:

„Würde dann nicht der Staub, der eigentliche Maler, meine Pflicht übernehmen?“